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Ramba-Zamba - einem Genie bei der Arbeit zusehen

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Thursday, March 22nd, 2007
8:05 am - Och nö, Heiner!
Ein einfaches "Ich wasche mich nicht gern" hätte es doch auch getan.



[Text:]

Als Kind hörte ich die Erwachsenen sagen, in den Konzentrationslagern wird aus den Juden Seife gemacht. Seitdem konnte ich mich mit Seife nicht mehr anfreunden und verabscheue Seifengeruch. Jetzt wohne ich, weil ich den "Tristan" inszeniere in einer Neubauwohnung in der Stadt Bayreuth. Die Wohnung ist sauber, wie ich noch keine gesehen habe. Alles ist an seinem Platz: Die Töpfe, die Pfannen, die Teller, die Tassen, die Gläser und das Doppelbett. Die Dusche, made in germany, kann Tote aufwecken. An den Wänden Blumen und Alpenkitsch. Hier herrscht Ordnung. Auch das Grün hinter dem Haus - in Ordnung. Die Straße still. Gegenüber die Hypobank. Als ich das Fenster aufmache, zum ersten Mal, Seifengeruch. Das Haus, die Wohnung, der Garten, die Stadt Bayreuth riechen nach Seife. Jetzt weiß ich, sage ich gegen die Stille, was es heißt, in der Hölle zu wohnen und nicht tot zu sein oder ein Mörder. Hier wurde Auschwitz geboren - im Seifengeruch.

(Um Platz zu sparen, habe ich, da Müllers "Verse" ohnehin keine Füße haben, auf die Absätze verzichtet.)

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Monday, March 12th, 2007
6:46 pm - Gefunden
In einer Ausgabe des ersten Jahrgangs (1955) des Humor- und Satire-Magazins "Eulenspiegel" fand ich heute das folgende schöne Gedichtchen:


Surrealistischer Vierzeiler

Gestern trat ein Fräulein an mein Bette
Und behauptete, die Märchenfee zu sein,
Und sie fragte mich, ob ich drei Wünsche hätte,
Und ich sagte, um sie reinzulegen: nein!

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Wednesday, March 7th, 2007
7:55 pm - Gedicht der Woche
Wilhelm Busch:


Kritik des Herzens

Sie stritten sich beim Wein herum,
Was das nun wieder wäre
Das mit dem Darwin wär gar zu dumm
Und wider die menschliche Ehre.

Sie tranken manchen Humpen aus,
Sie stolperten aus den Türen,
Sie grunzten vernehmlich und kamen zu Haus
Gekrochen auf allen vieren.

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Tuesday, January 30th, 2007
5:40 pm - Dialektik oder: Wer denken kann, ist klar im Vorteil
Gestern rief mein Fanklub an:

- Mensch, Herr Bartels, Sie schreiben immer über andere Dinge. Schreiben Sie doch mal was über sich.

- Tue ich das nicht? Indem ich über andere Dinge schreibe, schreibe ich doch über mich.

- Ah, Sie wollen wissen, ob ich meinen Platon gelesen habe!

- (gelangweilt) Hab ich Sie oder haben Sie mich gefragt?

- Schwamm drüber. Wir wollen einen Star zum Anfassen. Sonst können Sie künftig zusehen, wie Sie Ihr Frühstück bezahlen!

Mir tat das Ohr weh vom schwungvoll aufgelegten Telephonhörer. Und ich dachte: Wenn es nur um das Frühstück ginge, du Ratte! Ich esse ohnehin nichts vor 12:00 Uhr.

Das Publikum ist die Pest auf Beinen, aber man kann sich ihm nicht entziehen. Man muß seinen Bedürfnissen nachgeben, aber man hüte sich davor, sich von ihm versklaven zu lassen. Es ist eine dreifach gefaltete Sache: (I) Man muß dem Publikum das Gefühl geben, daß es bekommt, was es will. (II) Man darf ihm aber nicht geben, was es meint zu wollen. (III) Denn man muß ihm geben, was es braucht, d.h. was es wollte, wenn es wüßte, was es will.

Wenn ich also wirklich einmal über mich selbst schreiben sollte, darf man zweierlei versichert sein: Erstens schreibe ich dann nicht wirklich über mich, sondern über anderes. Und zweitens schreibe ich, indem ich über anderes schreibe, wirklich über mich.

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Monday, January 15th, 2007
11:14 am - Gedicht der Woche
Theodor Kramer:

Wann immer ein Mann trifft auf einen

Wann immer ein Mann trifft auf einen,
Der im Winkel sitzt, stumm und allein,
So schuldet, so sollte ich meinen,
Er ihm ein Glas Bier oder Wein.

Bis die Augen nicht unstet mehr wandern
Und sich aufhellt das bittre Gesicht;
Dies schuldet ein Mann einem andern,
Aber zuhören muss er ihm nicht.

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Monday, September 25th, 2006
12:12 pm - Thalheimers Orestie, oder: Über die Wiederermordung von Mythen
Ich saß gestern Abend im Deutschen Theater Berlin, und hatte das Vergnügen, Michael Thalheimers Inszenierung der Orestie zu sehen. Nicht daß ich nicht erwartet hätte, Regietheater in Reinform zu sehen. Ich könnte lügen und sagen, daß ein klassischer Philologe aus beruflichen Gründen derlei zur Kenntnis nehmen muß. Aber das weiß ja seit dreißig Jahren jedes Kind, daß man die Griechen besser liest, als inszeniert sieht. Ich sage also die Wahrheit: Ich bin eingeladen worden von einem Bekannten, der im Chor spricht.

Wie das Stück war? Och ... Thalheimer, berüchtigt für seine Kürzungen, schaffte es, die Orestie in einer Stunde und fünfundvierzig Minuten abzurattern, wobei die Leistung erst dann recht deutlich wird, wenn man verrät, daß nach fünfzehn Minuten erst das erste Wort von Aischylos fiel. Was davor gesprochen wurde, war reiner Stein oder - wer weiß es? - Thalheimer. In den übrigen anderthalb Stunden lief die Trilogie runter, wobei vom Agamemnon schätzungsweise 50% die Bühne erreichten, von den Choephoren etwa 30% und von den Eumeniden sichere 10%. Natürlich fielen die meisten Schlüsselverse dem Rotstrich zum Opfer. Nicht wenige für den Fabellauf oder die Deutung wichtige Stellen fehlten ganz. Einige Schlüsselverse blieben auch, wurden aber dadurch, daß sie von den falschen Figuren gesprochen wurden, entweder belanglos oder irreleitend. Letztere Nachricht freilich relativert sich dadurch, daß die meisten Sätze auf der Bühne genuschelt, gebrüllt oder gerülpst wurden, und also, selbst wenn der Text dem Dichter gemäß auf die Bühne gekommen wäre, niemand, der nicht ohnehin schon wußte, was gesagt werden würde, dem Vortrag uneingeschränkt hätte folgen können. Nicht eine Figur wurde annähernd so interpretiert, daß man in ihr noch ihre Aischyleische Vorlage wiederzuerkennen vermochte. Darüberhinaus schienen alle Akteure an Creutzfeldt-Jakob zu leiden; sie zuckten, Speichel troff ihnen aus dem Mund, während sie ihre irren Blicke in die Menge warfen. Irgendjemand sollte diesen Schauspielern mal den Unterschied zwischen tragischer Erschütterung und ausgebrochenem Wahnsinn erklären. Es wurde übrigens nicht auf der Bühne gespielt, denn die war mit einer bis zur Decke reichenden Preßspanwand verrammelt, so daß die ohnedies intime Atmosphäre des DT-Saals zu einer schnürend engen wurde. Todesopfer, so weit ich weiß, gab es keine; so lang, daß es zum Ersticken gereicht hätte, war die Aufführung dann ja wie gesagt doch nicht. Sonst das Übliche: eimerweise Kunstblut, morderne Straßenkleidung, Titten, Ärsche, Penisse, Musik von E-Gitarren (ca. 180 Phon).

Im ganzen also eine standesgemäße Hinrichtung des Atridenmythos mitsamt einem seiner Dichter, die xte in diesem Jahrzehnt. Man hat Routine.

Bemerkenswert dennoch Thalheimers Hacks-Kenntnis. Der Dichter hat einmal über Dramatiker, die ihre Stücke so schreiben, daß es nicht möglich ist, bei der Inszenierung eine Pause zu setzen, geschrieben: das "verrät wirklich nur die Angst der Verfasser, die Besucher könnten in der Pause sich verständigen und weggehn."

Thalheimers Inszenierung hatte keine Pause.

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